Zu Gast in Mannheim
Das Gespräch mit Arpad Dobriban
führte Christian Römer
Mit Deinem Projekt „"Mannheim schmecken Versuch
zur Rettung der Hauskocherei" hast Du fast das ganze Jubiläumsjahr
in Mannheim verbracht und vorwiegend mit älteren Bürgern
der Stadt gearbeitet. Was hattest Du Dir vorgenommen und haben
sich Deine Erwartungen erfüllt?
Ich kannte Mannheim nur von wenigen Besuchen, deshalb bin ich
erstmal von ganz allgemeinen Überlegungen ausgegangen, was
ein herausragendes Stadtjubiläum für Möglichkeiten
bietet und welche Aspekte sich mit dem verbinden lassen, was Gegenstand
meiner eigenen Arbeit ist. Mich hat die persönliche Momentaufnahme
interessiert. In der Alltagskultur ist die Vergangenheit ja immer
lebendig gegenwärtig, aber eben meist ohne dass sich das
allgemeine öffentliche Interesse darauf richtet. Für
mich ist ein Jubiläum auch Gelegenheit zur Selbstvergewisserung.
Es lassen sich Dinge in den Mittelpunkt rücken, die sonst
unbemerkt versickern und dann abhanden kommen. Ich wollte etwas
aus der Vergangenheit in der Gegenwart sichtbar machen, um es
dann in die Zukunft weiterzureichen, so ist die Idee zu diesem
Projekt entstanden. Eine Reise in das kulinarische Gedächtnis
Mannheims in drei Teilen:
Erinnern und Kochen / Öffentliche Essen / Schulprojekte.
Wir wollten so weit wie möglich zurückgehen und haben
bis auf wenige Ausnahmen Interviews mit der ältesten Generation,
Männern und Frauen zwischen siebzig und neunzig Jahren, geführt.
Dass diese Menschen auch dazu bereit waren, gemeinsam mit uns
zu kochen, damit wir die Gerichte von ihnen lernen und diese auch
so wiedererstehen, wie sie erinnert wurden, war eine großartige
Erfahrung. Mein LKW, die mobile Küche, stand während
des Projektes auf dem Gelände des Mannheimer Morgen. Hier
konnten wir beispielsweise auch Borretsch anpflanzen, ein Salatkraut,
das früher in jedem Garten wuchs, heute aber schwer zu bekommen
ist. Dort haben wir uns getroffen und jeweils mehrere Stunden
miteinander gekocht. Das waren intensive Arbeitstage, die jedes
Mal mit einer gemeinsamen Mahlzeit auf der Wiese endeten. Wie
sich da Erinnerung in Aktivität verwandelt hat, wie viel
man miteinander erreichen kann, hat uns alle beeindruckt und beglückt,
glaube ich.
Und dann muss ich ein großes Kompliment an die Stadt und
die Region loswerden, in der es (hoffentlich noch lange) so viele
mit Sorgfalt hergestellte Produkte gibt, dass die Einkäufe
für die Essen jedes Mal ein großes Vergnügen waren.
Du hast nach Gerichten aus der Vergangenheit gesucht, hast
Du typische Mannheimer Gerichte gefunden?
Die Fragestellung war eher, welche Speisen sind in Mannheim anwesend,
wo kommen sie her, wer gibt wem was weiter. So spielte z.B. die
Heirat, der Zuzug von Frauen nach Mannheim eine große Rolle.
Es gibt bewegende Geschichten, in denen die eigene Küche
zunächst zurückgelassen und die Küche der Schwiegermütter
gelernt werden musste. So blieb manches Rezept aus der Kindheit
vierzig Jahre ungekocht. Dann natürlich Einflüsse und
Vermischungen von Stadt- und Landleben. Welche Zutaten waren vorhanden,
was war nur schwer oder selten zu beschaffen. Diesen Erfahrungsschatz
kurz vor dem Verschwinden zu aktivieren die Alten führen
ja inzwischen keine großen Haushalte mehr und die Übergabe
an die nächste Generation hat nur lückenhaft stattgefunden,
das ist aus meiner Sicht die wichtige Aufgabe gewesen. Typische
Gerichte haben wir nicht gesucht. Typisch ist etwas, was aus der
Ferne eine Hilfe zur Identifikation bildet, in der Nähe braucht
man das Typische gar nicht. Je näher man den Dingen ist,
umso wichtiger werden die speziellen Details, die Unterschiede,
der Variantenreichtum. Das Leibgericht, das wie eine kleine Heimat
ein Leben lang bei einem bleibt.
Du hast im zweiten Schritt des Projektes öffentliche
Essen veranstaltet, die Du jeweils mit „Das eigene Universum“
betitelt hast. Was hat es damit auf sich?
Bei diesen Essen haben wir jeweils einen Teil der Rezepte zu
mehrgängigen Menüs zusammengestellt und einem breiteren
Publikum vorgestellt. Die Gäste bekamen auch immer gleich
die Kochanleitungen für die Speisen ausgehändigt, sodass
zuhause alles direkt nachgekocht werden konnte, was inzwischen
auch schon viele gemacht haben. Das Kochen, die Küche als
der Lebensbereich, in dem ich selbst herrsche, mein Tun von Anfang
bis Ende selbst überblicke und die Konsequenzen unmittelbar
erfahre genau auf diesen Punkt bezog sich der Titel der
Veranstaltungen, und jetzt der Titel des Buches. Ich plädiere
für den Erhalt dieses eigenen Universums. Hinwendung und
Hingabe an die notwendigen Dinge des Lebens, statt sich diese
aus der Hand nehmen zu lassen, wie das heute üblich ist.
Dazu muss man erst einmal überhaupt kochen können,
die Weitergabe scheint ja nicht mehr selbstverständlich zu
funktionieren.
Was auf jeden Fall verschwindet, ist das Wissen und die Erfahrung,
wie man mit unverarbeiteten Lebensmitteln umgeht. Was mache ich
aus Milch, Eiern und Mehl? Aus welchen Zutaten koche ich eine
Gemüsebrühe? Darüber hinaus werden viele Zubereitungsformen
als besonders schwierig und zeitaufwendig empfunden, was nach
einiger Übung aber gar nicht mehr stimmt. Nur machen muss
man es eben. Kochen ist lebensnotwendig und darf Zeit beanspruchen.
Du bist mit Deiner mobilen Küche in Mannheimer Schulen
gewesen und hast dort mit Schülern die alten Gerichte gekocht.
Wie war die Resonanz?
Die unmittelbare Weitergabe, die direkte Überlieferung an
die übernächste Generation war von Anfang an Bestandteil
des Projektes. Wir haben mit kleinen Schülergruppen jeweils
zwei bis vier Gerichte nachgekocht und anschließend gemeinsam
gegessen. Dazu haben wir immer Teile des Lehrerkollegiums und
auch die jeweiligen Rezeptgeber eingeladen. Alt und jung sind
sich direkt begegnet, haben sich ausgetauscht und die SchülerInnen
bekamen eine direkte Reaktion darauf, ob es denn auch genauso
geschmeckt habe wie „früher“. Insgesamt kamen
die Speisen gut an, aber es wurde natürlich auch deutlich,
wie sehr sich unsere Essgewohnheiten verändert haben. Außerdem
wird im Lehrplan Kochen nach ganz anderen Kriterien unterrichtet.
Vielleicht konnten wir hier einen Anstoß geben, auch mal
jenseits von Lebensmittelpyramiden, Vitamingehalt und Kalorientabellen
Kochen als eine eigene kulturelle Errungenschaft und Überlebenstechnik
des Menschen weiterzuvermitteln.
Zum Abschluss des Projektes legst Du jetzt dieses Kochbuch
vor, das die gesammelten Rezepte dokumentiert. Glaubst Du, dass
dadurch einige Speisen wieder einen festen Platz im Mannheimer
Küchenalltag einnehmen werden?
Das wünscht man sich natürlich, aber Rezepte sind nun
einmal nur die Theorie. Die Beschreibung der Speise ist nicht
die Speise selbst und auch das Bild davon kann nur eine Vorstellung
vermitteln. Man muss essen, mit dem Mund und der Zunge lesen,
das ist das Entscheidende. Von daher setze ich natürlich
erst einmal auf all die, die mit uns gekocht und gegessen haben.
Die werden hoffentlich das, was ihnen geschmeckt hat, auf ihren
persönlichen Speisezettel übernehmen und weitertragen.
Dass es all diese schmackhaften Speisen immer noch gibt, ist ja
das Verdienst derer, die sie über die Jahre bewahrt und immer
wieder auf die Probe gestellt haben, indem sie sie kochten und
für gut befanden. Diese Bestätigung über lange
Zeit ist das Kennzeichen für traditionelle Küche.
Selbstverständlich haben wir versucht, die Rezepte so aufzuzeichnen,
dass die Gerichte auch zuhause so entstehen können, wie wir
sie von den alten MannheimerInnen gelernt haben.
Mit den öffentlichen Essen haben wir gezeigt, dass sich
die Gerichte auch in größeren Mengen authentisch kochen
lassen. Es wäre daher schön, wenn sich die Mannheimer
Gastronomie für das eine oder andere Gericht interessieren
würde. Das Buch soll dokumentieren und einlösen, was
das Projekt ausgemacht hat: Erinnern-Kochen-Weitergeben.
Es war ein wunderbares Jahr, vielen Dank Mannheim!